Inside NIU - Werksbesichtigung in China

Inside NIU - Werksbesichtigung in China

Eine komplett andere Zweiradwelt.

China kann Masse. Diesen Satz hat Robert Schön zu mir schon vor der Reise mehrmals gesagt. Robert ist Country Manager von NIU für Deutschland, Österreich und die Schweiz, kennt also nicht nur die Marke, sondern auch den europäischen Zweiradmarkt sehr genau. Und ich muss ehrlich sagen: Bevor ich nach China geflogen bin, habe ich verstanden, was er meint. Aber erst nach der Reise habe ich es begriffen. Eine Reportage aus China über den Wandel der Mobilität und die großen Unterschiede zwischen dem chinesischen und europäischen Motorrad- und Rollermarkt.

Philipp

Philipp

Објављено на 26. 5. 2026.

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Wenn man noch nie in China war, dann hat man eine Vorstellung im Kopf. Man weiß natürlich, China ist groß. Man weiß, dort leben sehr viele Menschen. Man weiß auch, dass dort elektrisch betriebene Zweiräder im Alltag längst eine ganz andere Rolle spielen als bei uns. Aber zwischen „man weiß es“ und „man steht mittendrin“ liegen Welten. Und genau das war der entscheidende Punkt meiner Reise.

Ich war mit Robert in China, habe mir NIU vor Ort angesehen, habe die Fabrik besucht, mit Leuten gesprochen, mit europäischen und chinesischen NIU-Mitarbeitern diskutiert, einen Flagship Store gesehen, Shanghai erlebt und mir danach tagelang Gedanken gemacht, was von diesem Trip eigentlich wirklich hängen bleibt. Nicht nur im ersten Moment. Nicht nur als beeindruckende Kulisse. Sondern als ehrliche Erkenntnis.

Und genau das ist der Kern dieser Geschichte: Dieser Besuch bei NIU war nicht einfach ein Ausflug in eine große Fabrik. Es war ein Blick in eine andere industrielle Logik. In einen anderen Markt. In ein anderes Tempo. Und vielleicht auch in einen Teil der Zukunft, der gerade viel schneller auf Europa zukommt, als es vielen von uns lieb ist.

China ist nicht einfach größer, es funktioniert anders.

Mein erster China-Besuch hat gleich zwei Dinge auf einmal geliefert: Kulturschock und Aha-Moment. Shanghai etwa ist eine Stadt, die in ihrer Dimension schwer greifbar ist. Natürlich kennt man Bilder, natürlich hat man Vorstellungen von Megacities. Aber wenn man dort tatsächlich unterwegs ist, fällt einem relativ schnell auf, dass diese Stadt trotz ihrer Größe in vielen Bereichen anders wirkt als das, was man aus anderen asiatischen Metropolen kennt. Ich war ein Jahr davor in Bangkok, und der Unterschied ist gewaltig. Bangkok ist laut, dicht, hektisch, oft auch olfaktorisch sehr präsent. Shanghai dagegen wirkt in weiten Teilen erstaunlich ruhig, erstaunlich geordnet und vor allem: elektrisch.

Gerade im innerstädtischen Bereich merkt man sehr schnell, wie weit China bei der Elektromobilität bereits ist. Der Verkehr ist leiser. Die Luft wirkt sauberer, als man es erwartet hätte. Man sieht an den Kennzeichen, dass Elektrofahrzeuge dort schon einen massiven Anteil haben. Und bei den Rollern hört man es sowieso sofort. Das ist kein Zukunftsbild mehr. Das ist Alltag. Robert hat das in vielen Gesprächen klar formuliert: "China ist in Sachen Verkehrswandel einfach weiter. Offener im Mindset, schneller in der Umsetzung und kompromissloser in der Frage, wie urbane Mobilität künftig organisiert wird."

Und genau auf diesem Boden ist NIU gewachsen. NIU wurde 2014 von Li Yinan, dem ehemaligen CTO von Baidu, und dem Microsoft-Veteranen Token Hu gegründet – also nicht gerade von klassischen Rollerleuten, sondern von Menschen, mit einem klaren Technologie-Hintergrund. NIU setzte früh auf Lithium-Ionen-Batterien, obwohl der Markt damals noch stark von Bleiakkus geprägt war. Und das ist wichtig, weil man NIU sonst leicht falsch einordnet.

NIU ist nicht das, was viele in Europa spontan vermuten

Wenn in Europa eine Marke aus China auftaucht, dann gibt es oft sehr vorhersehbare Reflexe. Viele denken noch immer zuerst an billige Containerware, an schnelles Geschäft, an fragwürdigen After Sales, an „schauen wir mal, wie lange es die gibt“. Genau darüber habe ich mich mit Robert intensiv ausgetauscht: "Die größte Fehlannahme bei NIU ist, dass es sich um genau so ein klassisches Hit-and-Run-Geschäft handelt. Also Produkte reinwerfen, online verkaufen, und wenn’s später Probleme gibt, ist keiner zuständig." Robert ordnet es komplett anders ein: NIU habe sehr schnell erkannt, dass man europäische Märkte nicht ernsthaft aufbauen kann, wenn man sie nur nebenbei mitbedient. Deshalb habe man in den wichtigsten Ländern eigene Niederlassungen geschaffen, eigene Teams aufgebaut und auch in China dezidierte Teams installiert, die ausschließlich für Europa arbeiten. Produkte für Europa seien eben nicht einfach „Abfallprodukte“ einer chinesischen Großserie, sondern eigenständig betreute, für den Markt gedachte Fahrzeuge.

Das deckt sich auch mit meinem Eindruck. Man spricht mit chinesischen Mitarbeitern, die perfekt Englisch sprechen, teilweise in Europa verwurzelt aber jedenfalls hier auch ausgebildet wurden. An entscheidenten Positionen findet man auch Europäer. So wie Robert, der der chinesischen Unternehmensführung den europäischen Markt erklärt und hilft, hier langfristig Fuß zu fassen.

Je länger ich mir diese Firma angesehen habe, desto weniger erschien sie mir wie ein klassischer Rollerhersteller. Natürlich produziert NIU Fahrzeuge. Natürlich ist das ein Mobilitätsunternehmen. Aber das Mindset dahinter wirkte auf mich anders. Weniger „Wir haben einen Roller und bauen jetzt ein bisschen Elektronik dazu“ – und mehr „Wir verstehen ein modernes, vernetztes Elektrofahrzeug als Produktplattform und bauen darum ein Fahrzeug, das zu diesem Denken passt.“

Meine Wahrnehmung wird überwiegend von den offiziellen Unterlagen von NIU gestützt. Dort ist mehrfach von einem Technologie-Mindset die Rede, das seit der Gründung in jedem Produkt stecken soll. Außerdem beschreibt NIU seine Struktur über drei Hubs: Beijing für Strategie, Brand und globale Sales-Steuerung, Shanghai für Design, UX und Smart Tech und Changzhou (wo ich war) als Super Factory, wo alles real wird.

Das klingt nicht nach klassischer Rollerromantik, wo man über sich in technischen Details verliert und über Design philosophiert. Das klingt nach einem Unternehmen, das Fahrzeuge mit der Logik eines Tech-Unternehmens denkt.

Der Heimatmarkt ist die eigentliche Erklärung für alles

Robert sagte mir in Vorgesprächen auf den Trip nach China mal: "Man versteht NIU nicht, wenn man China nicht versteht." Das klingt banal, ist aber entscheidend. Denn viele Dinge, die uns in Europa beeindruckend oder ungewöhnlich vorkommen, sind dort schlicht das Ergebnis eines gigantischen, hochkompetitiven Heimatmarkts. Laut NIU-Unterlagen entfallen 54,8 Prozent aller globalen E-Zweirad-Verkäufe auf China. Mehr als die Hälfte des Weltgeschäfts findet also in einem einzigen Land statt - und da sprechen wir von über sieben Millionen Einheiten im Jahr.

Diese Zahlen sind in europäischen Maßstäben eigentlich absurd.

Wenn man sich vorstellt, dass der chinesische Rollermarkt pro Jahr Größenordnungen bewegt, die man in Europa bestenfalls aus ganz anderen Fahrzeugsegmenten kennt (Pkws), dann versteht man auch, warum dort vieles anders läuft. Der Markt ist riesig, der Wettbewerb extrem hart, die Zulieferer sitzen nah beieinander, die Industriezentren sind thematisch gebündelt, und dadurch entsteht automatisch eine Dynamik, die Qualität, Geschwindigkeit und Prozessreife in eine ganz andere Liga hebt. Man bedenke nur: kürzere Lieferwege (oft in der gleichen Provinz) und größere Produktionsvolumina ergeben automatisch Skaleneffekte, die die Preise pro Stück (Stückkosten) reduzieren und somit im Wettbewerb attraktiver machen.

Robert hat das schön mit einem Bild erklärt: Je mehr gute Weinbauern in einer Region sitzen, desto höher wird die Qualität des Weins. Und genauso, meinte er, ist es in einem Mobilitäts-Cluster. Wenn viele Hersteller, Zulieferer und Spezialisten auf engem Raum aktiv sind, steigt der Druck – und mit ihm die Kompetenz.

Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte überhaupt: Die aktuelle chinesische Stärke kommt nicht nur aus einer billigeren Produktion wegen niedrigeren Löhnen. Sie kommt aus Dichte, Geschwindigkeit, Erfahrung und brutalem Wettbewerb innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Was einst die Werkbank der Welt war, hat sich zu einem innovativen Markt weiterentwickelt, der Wettbewerb punktuell komplett neu definiert.

Dann stehst du in der Fabrik – und plötzlich bekommen Zahlen ein Gesicht

Der Höhepunkt der Reise war für mich ganz klar das Werk in Changzhou.

Und ich sage das bewusst so deutlich: Man kann sich das aus Bildern nur begrenzt vorstellen. Selbst Videos fangen diese Dimension nur teilweise ein. Erst wenn man dort steht, begreift man, was schiere Menge in einem industriellen Kontext tatsächlich bedeutet.

Was mich komplett weggeblasen hat, war gar nicht nur die Größe eines Gebäudes. Es war die schiere Menge an fertigen Rollern, die dort in einer Halle standen. Abgedeckt, sauber aufgereiht, bis an den Bildrand. Und dann hieß es: Das hier ist ungefähr eine Halbtagesproduktion. Eine Halbtagesproduktion!

Laut NIU liegt die Produktionsleistung des Werks 2025 bei rund 9.000 Einheiten pro Tag. Gleichzeitig wird beschrieben, dass das Werk von ursprünglich 28.000 Quadratmetern mit 342 Mitarbeitenden und 90.000 Einheiten pro Monat im Jahr 2016 über die Eröffnung der Super Factory 2019 inzwischen auf ca. 690.000 Qaudratmeter und 9.000 Einheiten pro Tag angewachsen ist. Im Januar 2026 wurden zudem Unterlagen für den Bau eines zweiten Werks unterschrieb, das weitere 1,5 Millionen Kapazität bringen soll. Die Gesamtleistung in Changzhou soll damit auf rund drei Millionen Einheiten pro Jahr steigen. Das sind Zahlen, bei denen man sich als Europäer automatisch fragt: Wie soll das gehen? Und jetzt wird es spannend.

NIU Werksbesuch in China

Alle 10 Sekunden läuft ein neuer E-Roller vom Band im NIU-Werk.

Das Beeindruckende ist nicht nur die Menge. Es ist die Organisation der Menge.

Ich habe in meinem Leben schon einige Werke (überwiegend aus dem automotiven Sektor) gesehen: Fertigungshallen, Montagelinien, Testcenter. Aber was in Changzhou auffällt, ist nicht nur „groß“. Es wirkt getaktet, optimiert, alles greift ineinander. Dort sitzt nicht einfach viel Personal in einer riesigen Halle. Dort greift ein Prozess in den nächsten. Wir haben eine Trainingssektion gesehen, in der Mitarbeitende ganz konkret Handgriffe üben. Umgang mit pneumatischem Werkzeug, wiederkehrende Montageschritte, Abläufe am Band. Das erinnerte mich in gewisser Weise fast an einen Formel-1-Boxenstopp, nur industrialisiert. Jeder Handgriff sitzt, weil er sitzen muss. Und wenn man danebensteht, merkt man sehr schnell: Diese Geschwindigkeit ist kein Zufall. Die ist erlernt und tausenfach trainiert.

Das Faszinierende daran ist, dass die Produktion gleichzeitig nicht wie eine sterile Roboterwelt wirkt. Natürlich gibt es automatisierte und halbautomatisierte Prozesse. Aber in vielen Bereichen sieht man echte Handarbeit. Menschen montieren Gabeln, verbinden Baugruppen, setzen Komponenten zusammen, machen ihre zwei, drei perfekt trainierten Bewegungen – und dann läuft der nächste Roller weiter. Und genau diese Kombination ist bemerkenswert: viel Handarbeit, aber null improvisiert. Hohe Taktung, aber nicht chaotisch. Menge, aber mit sichtbarer Prozessdisziplin. Zugegeben, ich habe in meinem Leben modernere Fabriken gesehen und Werkshallen, wo es leiser war oder mit mehr Robotik im Prozess. Aber diese präzise Taktung auf diese Menge an Fahrzeugen ist mir neu.

Robert fasst es in der Werkshalle so zusammen: "Die eigentliche Königsdisziplin ist nicht, schnell zu produzieren, sondern schnell zu produzieren, ohne die Qualität zu opfern. Gerade für Europa ist das zentral, weil hier das beste Produkt sofort scheitert, wenn die Qualität nicht stimmt."

China testet in der Realität, Europa bekommt das verfeinerte Produkt

Ein spannender Gedanke, den Robert im Gespräch angesprochen hat, betrifft Erfahrung. Denn Masse erzeugt nicht nur Umsatz. Masse erzeugt Daten. Diese Daten erzeugen Erkenntnisse. Und diese erzeugen reale Nutzung.

Wenn in China riesige Stückzahlen unterwegs sind, dann fährt dort eben nicht nur ein Roller vom Band. Dann fährt dort dieses Produkt millionenfach im Alltag. Und das heißt: Man sieht, was hält. Man sieht, was verschleißt. Man sieht, welche Schwachstellen auftreten. Man sieht, wie Komponenten altern. Man sieht, wie Nutzer tatsächlich fahren, laden, warten und belasten.

Robert beschreibt es sinngemäß so: China sei für NIU in gewisser Weise auch ein Testfeld. Erst wenn Fahrzeuge dort ein gutes Stück weit gelaufen sind und man weiß, wie sich Haltbarkeit, Zuverlässigkeit und Probleme darstellen, werden die Erkenntnisse in die weitere Entwicklung übernommen.

Ich finde diesen Gedanken interessant.

Denn oft wird bei chinesischen Herstellern in Europa so getan, als kämen die Produkte aus einem luftleeren Raum. Dabei ist eher das Gegenteil der Fall: Diese Firmen lernen an Stückzahlen, von denen viele europäische Hersteller in diesem Segment nur träumen können. Und mit diesen Stückzahlen kommt Erfahrung. Sehr viel Erfahrung. Dazu passt auch, dass wir vor Ort ein Qualitätstestcenter gesehen haben, in dem klassische Haltbarkeits- und Ermüdungstests laufen: Schalter, die zigtausendmal betätigt werden, Prüfstände, Fahrwerksbelastungen, Komponenten unter Dauerstress. Das kennt man grundsätzlich auch aus anderen Industrien. Aber hier kommt eben zusätzlich noch der riesige Feldversuch im echten Alltag dazu. Es gibt also gleich zwei Standbeine, um die Qualität schrittweise zu erhöhen: Technische Erprobungen und Simulationen im Werk und einen gigantischen Feldversuch im Verkehr selbst.

Oder anders gesagt: Wenn über eine Million Fahrzeuge draußen unterwegs sind, dann hat man keine kleine Stichprobe mehr. Dann hat man eine Realitätsschleife, die auch den besten, genormten Prüfstand in den Schatten stellt. Einmal mehr sieht man: China kann Masse... und daraus ergibt sich ein Erfahrungsturbo, der die Entwicklung massiv beschleunigt. Wo wir teure Simulationen brauchen, heißt es in China: realer Feldversuch. Ein ganz anderer Zugang.

Ein Flagship-Store in Shanghai zeigt den Unterschied zwischen Europa und China

Wechsel vom Fabriksfliesband in einen NIU-Flagship-Store in Shanghai. Von der Fläche her war das kein Palast. Vielleicht 70, 80 Quadratmeter. Also ein Shop, den man in Europa als normalen, eher kompakten Showroom wahrnehmen würde. Ein Rollergeschäft eben. Und dann erfährt man auf der Rückfahrt, dass dieser eine Shop im Jahr rund 3.000 Einheiten verkauft. Nur von einer Marke. Da wird einem relativ schnell klar, dass man in Europa oft mit den falschen Vergleichsmaßstäben unterwegs ist.

Die nächste Erkenntnis war dann das Kaufverhalten. Während europäische Kunden oft noch klassischen Showroom-Kontakt wollen – anschauen, angreifen, probesitzen, nachdenken –, läuft das in China sehr viel digitaler. Kunden kaufen online, buchen ihr Fahrzeug, und holen es beim Händler nur noch ab. Der Händler ist damit nicht nur stationärer Verkäufer, sondern auch Übergabepunkt in einem viel stärker digitalisierten Vertriebsmodell.

Robert meinte dazu, der Händler habe dort im Grunde zwei Hebel: die Laufkundschaft – und vor allem die online gewonnenen Kunden, die bereits mit konkreter Kaufabsicht kommen. Das Spannende ist, dass NIU diesen Gedanken laut Robert nach Europa zu übersetzen versucht. Nicht eins zu eins, aber sinngemäß. Also nicht bloß Fahrzeuge an Händler liefern und sagen „Viel Glück“, sondern aktiv Kunden in die Stores bringen – über Kampagnen, Ads und digitale Lead-Generierung. Seine Formulierung dazu war klar: Man benutze China ein bisschen wie eine Pralinenschachtel – man nehme sich die besten Sachen heraus, die sich nach Europa ummünzen lassen. Smarter Ansatz.

NIU Werksbesuch in China

Nicht nur die Größe beeindruckt, es sind die präzisen Abläufe.

Der Vergleich mit Japan drängt sich auf

Im Gespräch sind wir auch auf einen Gedanken gekommen, den vermutlich viele im Hinterkopf haben: Sind chinesische Hersteller heute da, wo japanische Hersteller vor 30 oder 40 Jahren einmal waren?

Robert, der lange genug in der Branche ist, hat das sehr deutlich bejaht. Früher habe man über die Japaner gelacht, sie mit abwertenden Spitznamen bedacht (Reiskocher) und ihnen wenig zugetraut. Ein paar Jahre später hätten sie der Welt dann gezeigt, wie man Motorräder baut, wie man Qualität skaliert und wie man Strukturen setzt.

Sein Eindruck sei, dass wir jetzt etwas Ähnliches mit chinesischen Herstellern erleben – nur schneller. Weil heute alles schneller geht. Logistik, Kommunikation, Entwicklung, Marktveränderung. Und ganz ehrlich: Das ist schwer von der Hand zu weisen. Natürlich ist Geschichte nie eins zu eins wiederholbar. Aber das Muster wirkt bekannt. Erst Belächeln. Dann Skepsis. Dann Marktanteile. Dann Akzeptanz. Dann Normalität.

Batterietechnologie: Europas Schwäche wird doppelt bestraft

Wenn man über elektrische Zwei- und Vierräder spricht, landet man irgendwann zwangsläufig beim Thema Batterie. Und hier, glaube ich, wird der eigentliche strategische Vorsprung Chinas besonders sichtbar. Ich bin selbst ein großer Verbrennerfreund, erkenne aber die klaren Vorteile und stärken der E-Mobilität an. Und aktuell heißt es - wenn man ganz ehrlich ist: In der Batterietechnologie hat Europa sehr viel verschlafen. China hat dort Know-how, Kapazität, Produktionsmasse und Entwicklungsdynamik aufgebaut, die man nicht einfach kurzfristig aufholt. Klar, die entsprechenden seltenen Erden und andere Rohstoffe, die in Chinas Erdboden schlummern, sind hier hilfreich und sogar essenziell. Aber aus aktueller Sicht muss man sich einfach eingestehen: Europa, gerne als Technologieführer im automotiven Sektor bezeichnet, hat zu spät erkannt, dass China hier ein Feld überlassen wird, welches für die Zukunftsmobilität eine Rolle spielen wird. Und ich glaube, dass sich die großen Automobil- und Mobilitätskonzerne in Europa einfach zu lange auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben. Den ersten Schuss von Tesla hat man noch belächelt, der zweite Schuss jetzt von China sollte man als Weckruf wahrnehmen. Denn neben China ist auch Indien am Weg, mit vergleichbarer Produktionsstärke, den Markt aufzuwirbeln.

Vielleicht ist es hier an der Zeit, Kooperation zwischen Europa und China neu zu denken. War das Motto bisher: Erfunden in Europa, produziert in China. Könnte es nun heißen: Erfunden und erforscht in China, Know-how transportiert nach Europa.

Die Verkehrswende kommt – zumindest sehr wahrscheinlich

Ob man persönlich Fan davon ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Aber dass sich urbane Mobilität verändert, ist schwer zu leugnen. Einfahrtsbeschränkungen für Verbrenner in europäischen Metropolen, Parkplatzsituationen in Innenstädten, Förderungen, steuerliche Vorteile, Lärm- und Emissionsthemen – all das wird dem elektrischen Zweirad früher oder später in die Hände spielen. Robert fasst es knapp zusammen: "Gerade im urbanen Bereich werde man am elektrischen Zweirad auf Dauer kaum vorbeikommen." Ich sehe das ähnlich.

Nicht, weil das Benzin morgen verschwindet. Nicht, weil jeder plötzlich elektrisch fahren will. Sondern weil sich Rahmenbedingungen ändern. Und weil Märkte irgendwann kippen, wenn Technologie, Nutzwert und Regulierung zusammenpassen. China ist bei diesem Punkt heute schon deutlich weiter. Europa diskutiert vielerorts noch, China macht längst. Genau deshalb wirkt so ein Werksbesuch für mich auch nicht bloß exotisch, sondern relevant.

Was von der Reise hängen bleibt

Wenn ich den China-Trip und den Besuch bei NIU heute mit ein bisschen Abstand zusammenfasse, dann bleibt bei mir vor allem ein Satz hängen: NIU ist für mich kein klassischer Rollerhersteller, sondern ein Technologieunternehmen mit Mobilität als Produktfeld – allerdings eines, das die industrielle Seite dieses Geschäfts bereits ziemlich ernsthaft beherrscht.

Und genau das macht die Sache interessant. Denn beeindruckende Fabriken gibt es viele. Beeindruckende Präsentationen auch. Aber hier hatte ich den Eindruck, dass mehrere Dinge gleichzeitig zusammenkommen: Ein riesiger Heimatmarkt, echte Stückzahl, reale Felderfahrung, hohe Prozessdisziplin, technologische Ambition, Marktanpassung für Europa und die klare Absicht, langfristig zu bleiben.

Natürlich heißt das nicht, dass plötzlich alles perfekt ist. Natürlich darf man skeptisch bleiben. Natürlich muss jeder Hersteller sich in Europa auf Dauer über Qualität, Händlernetz, Service und Produkte beweisen. Aber eines würde ich nach dieser Reise definitiv nicht mehr sagen: dass man NIU oder chinesische E-Mobilität im Zweiradbereich als Randthema abtun kann.

Was ich in China gesehen habe, war groß. Aber das ist fast schon die unwichtigste Erkenntnis. Wichtiger ist: Es war organisiert. Es war durchdacht. Es war schnell. Und es war in vielen Punkten näher an der Zukunft, als man es aus europäischer Perspektive vielleicht gerne hätte.

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