Südafrika mit der Enduro: grüne Steilhänge über dem Ozean
Beste Reisezeit, Xhosa-Küche und wie viel Können du brauchst
Grüne Hügel bis an die Klippen, Rundhütten, Rinder am Strand: Die Wild Coast im Osten Südafrikas ist Enduroland mit steilen Hängen, Furten und Schlamm nach Regen. Hier liest du, wann das Wetter passt und welche Tour dich hinbringt. Reicht dein Können für diese Küste?
Sanfte grüne Hügel rollen bis an die Abbruchkante, darauf verstreut strohgedeckte Rundhütten, und unten schlägt der Indische Ozean gegen den Fels. Das ist die Wild Coast im Osten Südafrikas. Irgendwo dazwischen zieht ein Hang hinauf, so grün und so steil, dass vor dem Vorderrad nur noch Meer und Himmel bleiben. Für mich fühlt sich so ein Aufstieg im Sattel einer Enduro an wie der Weg in den Himmel, Freudentränen garantiert. Ob die Tränen vom Glück kommen oder vom Laktat in den Unterarmen, entscheidet dein Trainingsstand. Wie steil, wie nass und wie rutschig diese Küste wird, entscheidet über deine Reisezeit und über das Level, mit dem du anreist.
Grünes Hügelland über dem Indischen Ozean
Die Wild Coast liegt im Eastern Cape, dem Ostkap, und reicht vom Great Kei im Süden bis zum Mtamvuna im Norden. Ihre Landschaft beginnt hinter der Küste mit grünem, sanft gewelltem Hügelland, in den Schluchten und feuchten Küstentälern steht immergrüner Wald. Die Küste selbst kann sich nicht entscheiden. Buchten, Strände und Lagunen wechseln mit felsigen Landspitzen und Steilklippen, die direkt ins Meer fallen.
Nach Norden hin, im Pondoland, wechseln flache Tafelländer aus Sandstein mit sehr steilen Flussschluchten wie der des Msikaba, und zwischen Port St Johns und der Oribi-Schlucht liegt das Pondoland Centre of Endemism, ein botanischer Hotspot voller Pflanzen, die es nur hier gibt. Bei Waterfall Bluff nahe Lusikisiki stürzen Wasserfälle von den Klippen direkt in den Ozean, daneben ragt der pyramidenförmige Cathedral Rock aus dem Wasser. Die Magwa Falls fallen 142 Meter tief in eine Schlucht. Im Mkambati-Reservat, dem ersten Ramsar-Feuchtgebiet der Provinz, also einem Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung, fällt ebenfalls ein Wasserfall ins Meer.
Von hohen Aussichtspunkten siehst du Delfine und Wale, Buckelwale und Südkaper, eine große Glattwalart, kommen zum Kalben. Im Südwinter, etwa von Mai bis Juli, zieht der Sardine Run nach Norden.
Die DNA der alten Transkei
Die DNA der Wild Coast: Menschen, Rinder und Geschichte teilen sich dieselben Hügel. Während der Apartheid lag hier das Homeland Transkei, von 1976 bis 1994 ein nominell unabhängiger Staat, den international niemand anerkannte. Es ist traditionelles Land der Xhosa, und jeder Weg zur Küste führt durch dieses Kernland. Der Nordteil heißt Pondoland, Heimat der Mpondo.
Rinder gehören zum Alltagsbild. Ganze Herden liegen am Strand oder stehen auf der Straße, als hätten sie die Küste für sich reserviert. Außer Port St Johns und Coffee Bay bestehen die Küstenorte nördlich des Kei oft nur aus ein paar Häusern. Touristenmassen fehlen. An der N2, rund 32 Kilometer südwestlich von Mthatha, liegt Qunu, wo Nelson Mandela aufwuchs und begraben ist; geboren wurde er am 18. Juli 1918 in Mvezo am Mbashe.
Coffee Bay verdankt seinen Namen der Überlieferung nach einem Wrack, dessen Kaffeebohnen an den Strand gespült wurden. Südlich davon steht Hole in the Wall vor der Mündung des Mpako, ein freistehender Fels aus Sandstein und Schiefer mit einem großen, vom Wasser ausgewaschenen Durchbruch, durch den die Brandung schlägt. Die Xhosa nennen ihn esiKhaleni, Ort des Klangs, nach dem Donnern im Fels, und viele Einheimische sehen darin ein Tor zur Welt der Ahnen. Mir gefällt, dass dieses Wahrzeichen nach seinem Geräusch benannt ist.
Ziegenpfad Furt und Steilhang
Auf den Enduro-Routen der Wild Coast wechselt der Boden ständig, von Grashügeln über steinige Ziegenpfade und Waldpassagen bis zu Fels und Flussquerungen. Von den Stränden führen steile Auffahrten direkt hinauf auf die Klippen, oben liegt der Ozean vor dir wie eine blaue Wand. Für mich ist das der Kern dieser Küste. Die Schwierigkeit steckt oft eher in der Balance als in der Traktion.
Flussquerungen gehören zum Tagesprogramm, und sie sind oft rutschig, mit losen oder glitschigen Steinen und einer Wassertiefe, die du schwer einschätzen kannst. Bei einer Furt, deren Grund ich nicht sehe, hat mein Vorderrad leider immer schneller eine Meinung als mein Kopf. Nach Regen werden Waldauffahrten und Nebenwege schlammig und rutschig, und auf Nebenwegen der Transkei warten steile, ausgefahrene Abschnitte mit tiefen Spurrinnen und Schlammlöchern. Ruhiger laufen neben den Viehpfaden die Schotterstraßen nahe der Küste, durch grüne Hügel und kleine Dörfer.
Asphalt bleibt die Ausnahme, denn die N2 verläuft weit im Landesinneren, nördlich des Kei haben nur Coffee Bay und Port St Johns eine Teerstraße bis zu ihr, alle übrigen Zufahrten zur Küste sind Schotter. Nach Coffee Bay rollst du auf Asphalt mit Schlaglöchern, dahinter geht er Richtung Hole in the Wall in Schotter über. Für die Orientierung bleibt die N2 dein Rückgrat, von ihr zweigen die Wege Richtung Meer ab. Die Zahl, die das Gelände am besten beschreibt: 70 bis 100 Kilometer messen die Tagesetappen auf den geführten Hard-Enduro-Schleifen, bei fünf bis sechs Stunden im Sattel.
Wie viel Können die Küste verlangt
Wie viel Können du brauchst, hängt zuerst daran, ob du geführt oder allein fährst. Im RIDE-KTM-Programm steht zum Beispiel die Südafrika-Endurotour mit Alfie Cox, veranstaltet von Alfie Cox Racing aus Cato Ridge in KwaZulu-Natal. Der Gastgeber wurde 2002 Zweiter der Dakar-Motorradwertung auf KTM, gewann 1995 das erste Erzbergrodeo und neunmal die Roof of Africa in Lesotho. Ausgeschrieben ist die Tour für Level 1 bis 5 (von 5), für jede technische Passage gibt es eine Ausweichroute. Alfie ist die ganze Tour dabei, hilft an schwierigen Hindernissen und fährt bei Bedarf dein Motorrad selbst hinauf. Mein Stolz würde lieber stürzen, als einem Dakar-Zweiten den Lenker zu überlassen. Mein Verstand hätte ihn längst übergeben.
Acht Tage dauert die Tour, mit fünf Fahrtagen und zwei Ruhetagen. Die ersten drei starten im White Clay Resort bei Coffee Bay, auf Runden von rund 80, 70 und 80 Kilometern. Dann geht es per Fahrzeug rund 500 Kilometer nach KwaZulu-Natal, zu zwei Fahrtagen durch Wälder, Zuckerrohr, Dörfer und Buschland. 98 Prozent sind offroad, Technik geht vor Tempo. Mietmotorrad (KTM oder GasGas), Benzin, Unterkunft und Verpflegung sind inklusive, Flüge nicht. Alles Weitere steht auf der Ride KTM Website mit Terminen, Infos und Preisen.
Kaum eine Hard-Enduro-Tour bringt für mich so viele Superlative mit wie diese: Steilhänge mit Meerblick, intensive und wunderschöne Natur, ein cooler Alfie Cox und echt forderndes Gelände.
KTM beschreibt die Stufen so: Level 1 und 2 gelten als einsteigergeeignet, mit Schotterstraßen, Feldwegen, ausgewaschenen Pisten und einfachen Flussquerungen. Level 3 bringt extreme Steigungen und anspruchsvolle Fluss- und Bachdurchquerungen, Geländepraxis wird empfohlen. Level 4 verlangt regelmäßige Praxis für Felsstufen, Spurrillen und rutschige Böden, Level 5 die schwierigsten Abschnitte bei jedem Wetter.
Auf eigene Faust würde ich diese Region als Europäer nicht empfehlen. Der Rechercheaufwand ist einfach zu hoch. Die lokalen Gepflogenheiten sind komplex und die Strecke verändert sich durch die üppige Vegetation einfach zu schnell. Ein Track der vor einem Jahr noch fahrbar war, kann nun komplett verwachsen sein. Diese Tour kann man realistischerweise nur mit einem sehr erfahrenen Local machen.
Sommerregen gegen Südwinter
Wer bei Südafrika an ewige Sonne denkt, wird an dieser Küste nass. Der meiste Regen fällt von Oktober bis März, mit im Mittel 10 bis 15 Regentagen pro Monat, im Juni und Juli sind es nur etwa drei. Im Sommer liegen die Tageshöchstwerte bei 25 bis 27 °C, und die Luft klebt: In Port St Johns liegt die Luftfeuchte nachmittags von November bis März bei rund 80 Prozent. Rund um Mthatha drohen schwere Gewitter.
Im Südwinter sind Juni bis August die trockensten Monate, Port St Johns kommt im Juli und August auf Höchstwerte um 21 °C, und im Hinterland misst Mthatha im Juni und Juli nachts im Mittel 4 °C. Für Aktivurlaub gelten Herbst und Winter als angenehm. Der Preis sind kurze Tage, in Durban geht die Sonne im Juni gegen 17 bis 17:30 Uhr unter. Europäer kommen meist in ihren Wintermonaten, also mitten in den Sommerregen, und auf der Packliste der Tour steht leichte Regenkleidung. Hitzespitzen bringt ausgerechnet der Frühling, Mthatha erreichte im September bis zu 44 °C. Bei unserer Tour hatten wir Glück - Regen hatten wir nur einmal und genossen ansonsten das lässige "Winterwetter".
Nach Starkregen schwellen Flüsse und Lagunen gefährlich an, und der Wetterdienst rät, sie dann nicht zu queren. 2023 ertrank bei Coffee Bay eine Touristin beim Durchqueren einer Lagune während eines Hochwassers. Steht die Furt nach einem Gewitter hoch und braun, wartest du oder drehst um. Auf den Straßen laufen Kühe, Ziegen, Esel und Pferde frei herum, Kollisionen kommen vor, und nachts taucht das Vieh unvermittelt vor dir auf. Plane so, dass du vor Sonnenuntergang ankommst.
Aus Europa fliegst du meist über Johannesburg nach Mthatha, dem nächsten Flughafen der zentralen Wild Coast, mit Airlink in gut einer Stunde. Für den Norden ist Durban mit dem internationalen Flughafen King Shaka die einfachste Anreise, für den Süden kann East London näher liegen. Für mich am bequemsten ist die geführte Variante über das RIDE-KTM-Programm: Mietmotorrad und Benzin sind inklusive, und Alfie holt die Gruppe in Mthatha ab. Das Eastern Cape gilt als malariafrei.
Samp Bohnen und ein Abend am Feuer
Der Braai, Grillen über offenem Feuer, ist in Südafrika Volkssport, und auf den Rost gehört die Boerewors, die gewundene Bratwurst. Auf der Tour gibt es einen Abend mit Braai bei Alfie zu Hause. An der Wild Coast kommen frischer Fisch und Meeresfrüchte auf den Tisch.
Die Küche dieses Landstrichs ist die der Xhosa. Umngqusho, Samp (gestampfte Maiskörner) mit Zuckerbohnen, zählte Mandela nach Auskunft seiner langjährigen Köchin Xoliswa Ndoyiya zu seinen Lieblingsgerichten. Umphokoqo, krümeliger Maisbrei mit Sauermilch, heißt auch African Salad, der einzige Salat, den ich nach einem Tag auf Ziegenpfaden freiwillig bestellen würde. Kutteln kommen meist als Eintopf, mit Pap, dem festen Maisbrei. Dazu Umqombothi, ein trübes, säuerliches Xhosa-Bier aus Mais und Sorghummalz mit wenig Alkohol, das ich erst probieren würde, wenn der Seitenständer unten ist.
Von dieser Küste bleibt mir vor allem ein Bild: grüner Hang, Ozean, Rundhütten am Horizont, abends Rauch vom Braai. Ob dabei Freudentränen fließen, hängt an deinem Können und daran, wie ehrlich du dich auf der KTM-Skala einordnest.
Über den Autor
Nils Müller steht als NastyNils hinter 1000PS. Über 25 Jahre Motorradbranche, über 1.000 getestete Motorräder und Reisen in mehr als 50 Länder prägen seine Sicht. Er fährt selbst Hard Enduro, Rally und Rennstrecke.