Bowtex Motorradbekleidung im Test: Unsichtbarer Schutz für Biker
Baselayer statt Textiljacke - funktioniert das wirklich?
Kann unsichtbare Motorradbekleidung echten Schutz bieten? Wir testen Bowtex Elite Baselayer im Alltag und klären, wie viel Sicherheit wirklich drinsteckt.
"Dress for the slide, not for the ride" ist ein Satz, den wohl jeder Motorradfahrer schon einmal gehört hat. Gemeint ist damit die allgegenwärtige Gefahr auf zwei Rädern, denn selbst bei niedrigen Geschwindigkeiten oder kurzen Strecken kann ein Sturz schwerwiegende Folgen haben. Wer ungeschützt unterwegs ist, hat im Straßenverkehr meist das Nachsehen - unabhängig davon, wer am Ende die Schuld trägt. Gleichzeitig kennt fast jeder Biker den inneren, faulen Schweinehund, der sich manchmal ziert klassische Schutzkleidung anzulegen. Gerade bei hohen Temperaturen, kurzen Fahrten zum Supermarkt oder dem täglichen Weg ins Büro wirkt die vollständige Montur oft zu sperrig, zu warm und schlicht unpraktisch.
Hinzu kommt, dass Motorradbekleidung abseits der Rennstrecke nicht immer als besonders stilvoll gilt. Während Lederkombi auf dem Track vollkommen natürlich und cool sind, gibt es doch einige Gruppen an Motorradfahrern, wie Supermoto-Vollstrecker, Supersport-Poser, oder Retrobike-Styler, die lieber zu Hoodie, Sneakers oder modischen Alternativen greifen - oft zulasten der Sicherheit. Genau hier setzt Bowtex an. Der Hersteller verfolgt das Ziel, Schutz, Komfort und Alltagstauglichkeit miteinander zu verbinden, ohne den persönlichen Stil einzuschränken. Statt klassischer Außenschichten setzt man auf technische Baselayer, die unter normaler Kleidung getragen werden können. Wir konnten die Produkte im Rahmen unserer Winterflucht nach Spanien erstmals testen und sind der Frage nachgegangen, ob dieses Konzept tatsächlich das Potenzial hat, mehr Motorradfahrer dauerhaft zu besserem Schutz zu bewegen.
Schutznormen verstehen: Was steckt hinter der Zertifizierung der Motorradbekleidung?
Um die Leistung moderner Motorradbekleidung richtig einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die zugrunde liegenden Prüfnormen. In Europa bildet die Norm EN 17092 die Basis für die Bewertung von Schutzkleidung für Motorradfahrer. Sie definiert, wie gut ein Kleidungsstück bei einem Sturz gegen Abrieb, Risse und Aufprallkräfte schützt. Dabei wird nicht einfach das gesamte Kleidungsstück pauschal beurteilt, sondern es erfolgt eine differenzierte Betrachtung verschiedener Körperbereiche. Grundlage dafür ist ein Zonensystem, das den menschlichen Körper in unterschiedliche Risikobereiche unterteilt.
Zone 1 umfasst die besonders exponierten Stellen wie Schultern, Ellbogen, Knie und Hüften. Diese Bereiche treffen bei einem Sturz am wahrscheinlichsten zuerst auf den Asphalt und müssen daher die höchsten Anforderungen erfüllen. Zone 2 beschreibt angrenzende Flächen wie Außenseiten von Armen und Beinen, die ebenfalls relevant sind, jedoch etwas geringeren Belastungen ausgesetzt sind. Zone 3 schließlich deckt weniger gefährdete Bereiche ab, etwa den Oberkörper oder Innenseiten der Gliedmaßen, wo Komfort und Beweglichkeit stärker gewichtet werden können.
Das Herzstück der Norm ist der sogenannte Darmstadt-Abriebtest. Dabei wird Material unter kontrollierten Bedingungen auf eine rotierende Asphaltoberfläche gedrückt, um realistische Rutschbewegungen zu simulieren. Entscheidend ist, wie lange das Material standhält, bevor es durchscheuert. Die dabei erreichten Werte werden in Schutzklassen eingeordnet, die von A bis AAA reichen. Während Klasse A eher für den urbanen Einsatz gedacht ist, steht AAA für das höchste geprüfte Schutzniveau im Rahmen der Norm. Wichtig ist dabei, dass diese Tests unter Laborbedingungen stattfinden und reale Unfälle nur näherungsweise abbilden können. Dennoch liefern sie eine objektive Vergleichsbasis, um unterschiedliche Produkte einordnen zu können.
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die Zertifizierung einzelner Produkte an Bedeutung. Wenn ein Hersteller wie Bowtex für bestimmte Modelle eine AAA-Klassifizierung erreicht, ist das ein klarer Hinweis darauf, dass die verwendeten Materialien und die Konstruktion ein sehr hohes Maß an geprüfter Schutzleistung bieten - und das in einem Bereich, der traditionell eher von schweren, klassischen Motorradbekleidungen dominiert wird.
Technische Vorstellung von Bowtex
Bowtex verfolgt einen anderen Ansatz als klassische Motorradbekleidungshersteller. Statt ein Kleidungsstück zu entwerfen und anschließend mit Schutzmaterialien aufzurüsten, beginnt die Entwicklung direkt bei der Faser. Im Zentrum steht dabei Dyneema, ein auf UHMWPE (Ultra High Molecular Weight Plyethylene) basierendes Material, das zu den leistungsfähigsten Fasern am Markt zählt. Es ist extrem leicht und bietet gleichzeitig eine sehr hohe Abrieb- und Reißfestigkeit. Ergänzt wird das Ganze je nach Produkt durch weitere Hochleistungsfasern wie Kevlar, wodurch eine Konstruktion entsteht, bei der der Schutz nicht aufgesetzt wirkt, sondern integraler Bestandteil des Materials ist.
Dieser Technical-first-Ansatz führt zu einem klar anderen Produkttyp. Bowtex versteht seine Kleidung nicht als klassische Motorradbekleidung, sondern als schützenden Baselayer. Die einzelnen Teile sind darauf ausgelegt, eng am Körper getragen zu werden und unter normaler Alltagskleidung zu verschwinden. Dadurch entsteht ein modulares System, das sich flexibel an unterschiedliche Einsatzbereiche anpassen lässt - vom täglichen Pendeln bis zur längeren Tour. Gleichzeitig erfüllen die Produkte die Anforderungen der EN 17092 Norm und erreichen je nach Ausführung sogar die höchste Schutzklasse AAA.
Produziert wird in Westeuropa, was nicht nur kurze Lieferketten ermöglicht, sondern auch eine gewisse Kontrolle über Fertigungsqualität und Nachhaltigkeit sicherstellen soll. Insgesamt ergibt sich ein technisches Konzept, das weniger auf klassische Motorradoptik setzt, sondern auf Materialinnovation und Alltagstauglichkeit. Der Anspruch ist klar: möglichst viel Schutz bei möglichst wenig Gewicht und maximaler Flexibilität.
Testeindrücke zum Tragekomfort von Bowtex
Im Test hatten wir die Bowtex Elite Leggings V2 sowie das Elite Shirt V2. Der erste Eindruck überrascht, denn angesichts der versprochenen Schutzleistung erwartet man intuitiv ein deutlich robusteres, vielleicht sogar steiferes Material. Stattdessen fühlt sich der Stoff leicht und weich an, fast unscheinbar. Übergestreift erinnert das Oberteil zunächst an eine leichte Offroad-Protektorweste mit Softprotektoren. Sowohl am Oberkörper als auch an den Beinen liegt die Kleidung eng an, ohne unangenehm zu wirken. Druckstellen oder störende Nähte fallen nicht auf.
Durch die elastischen Eigenschaften bleibt die Bewegungsfreiheit vollständig erhalten. Selbst mit integrierten Level-2-Protektoren wirkt nichts sperrig oder einschränkend. Die Protektoren selbst sind überraschend biegsam und passen sich gut an den Körper an, was dem Tragekomfort zusätzlich zugutekommt. Genau hier spielt das Baselayer-Konzept seine Stärke aus: Die Kleidung verschwindet unter normaler Alltagsbekleidung nahezu vollständig. Mit Hoodie und Jeans darüber ergibt sich optisch das Bild eines eher leger gekleideten Fahrers, während darunter ein vollwertiges Schutzsystem getragen wird.
Alternativ lässt sich das Shirt auch als äußere Schicht nutzen, etwa bei hohen Temperaturen, da das Material sehr luftdurchlässig ist. Die Leggings hingegen sind stark körperbetont geschnitten. Wer sie ohne zusätzliche Schicht tragen möchte, benötigt entsprechend Selbstbewusstsein. In der Praxis dürfte die Kombination mit normaler Kleidung für die meisten der realistischere Einsatzzweck bleiben.
Einschätzung des Potenzials und Fazit zu Bowtex Elite Motorrad-Bekleidung
Vergleicht man Bowtex mit anderer MOtorrad-Unterwäsche, dann ist 399 Euro für das Elite V2 Shirt und 329 Euro für die Leggings durchaus nicht von schlechten Eltern. Sieht man sich aber die Preisschilder von AAA-zertifizierten Textilkombis an, wirkt es eher wie ein Schnäppchen. Betrachtet man den gebotenen Schutz und setzt diesen in Relation zu klassischen Motorradbekleidungen, relativiert sich der Eindruck schnell. Vor allem dann, wenn man den Einsatzzweck berücksichtigt: Bowtex richtet sich gezielt an Fahrerinnen und Fahrer, die im Alltag häufig ohne vollständige Schutzkleidung unterwegs sind. Für diese Zielgruppe ist der Schritt zu einem schützenden Baselayer nicht nur eine Frage des Preises, sondern auch des Komforts und der Optik. Dies allein macht Bowtex wesentlich geeigneter und die Nutzung wahrscheinlicher, als der Griff zur kompletten Textilkombi.
Genau hier liegt das Potenzial der Marke. Bowtex versucht nicht, bestehende Lösungen zu ersetzen, sondern eine Lücke zu schließen. Wer bislang aus Komfort- oder Stilgründen auf Schutz verzichtet hat, bekommt hier eine Alternative, die sich nahezu nahtlos in den Alltag integrieren lässt. Der Zugewinn an Sicherheit steht dabei in keinem Verhältnis zum zusätzlichen Aufwand beim Anziehen. Ob sich dieses Konzept langfristig am Markt durchsetzt, hängt allerdings nicht nur von technischen Eigenschaften oder rationalen Argumenten ab. Motorradfahren ist emotional, Gewohnheiten sind tief verankert und nicht jeder lässt sich durch Sicherheitsaspekte überzeugen.
Dennoch zeigt Bowtex, dass es möglich ist, Schutz neu zu denken. Selbst wenn nicht jeder Fahrer umsteigt, könnte bereits ein kleiner Anteil an Nutzern einen spürbaren Unterschied machen. Wenn durch solche Konzepte auch nur einzelne schwere Verletzungen verhindert werden, erfüllt das Produkt bereits seinen Zweck. Wir selbst mussten im Test glücklicherweise keine Sturzsituation erleben, konnten uns aber von der Idee und deren Umsetzung überzeugen. Bowtex liefert einen interessanten Ansatz, der den Zugang zu Schutzkleidung deutlich vereinfachen kann - und genau darin liegt seine Stärke.
Author
GREGOR