Wie werde ich Motorrad-Rennfahrer?

Wie werde ich Motorrad-Rennfahrer?

Máximo Quiles erklärt den Weg vom Minibike in die Motorrad-WM

Wie wird man Motorradrennfahrer? Máximo Quiles, 18-jähriger Moto3-WM-Führender 2026, erklärt im Interview seinen Weg vom Minibike bis an die Spitze der Weltmeisterschaft - und was ihn 2027 in der Moto2 erwartet.

Poky

Poky

Veröffentlicht am 23.9.2026

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Wie wird man eigentlich Motorradrennfahrer? Nicht Hobbyrennfahrer, sondern einer von jenen wenigen, die irgendwann in der Moto3-Weltmeisterschaft stehen und von der MotoGP träumen dürfen. Muss man mit vier Jahren beginnen? Braucht man einen Vater, der selbst Rennen gefahren ist? Muss man schon als Teenager alles andere dem Sport unterordnen? Oder ist am Ende etwas ganz anderes entscheidend?

Jungstar Máximo Quiles vom CFMOTO Aspar Team ist für diese Fragen ein interessanter Gesprächspartner. Der Spanier ist gerade einmal 18 Jahre alt und trotzdem bereits an einem Punkt angekommen, von dem die meisten Nachwuchsfahrer nur träumen können. 2026 fährt er an der Spitze der Moto3-Weltmeisterschaft, 2027 folgt der Aufstieg in die Moto2. Und tatsächlich begann sein Weg sehr früh.

"Ich habe mit vier Jahren angefangen. Ich mochte Motorräder schon als kleines Kind sehr. Im Fernsehen habe ich immer Rennen geschaut und wenn ich auf der Straße ein Motorrad gesehen habe, war ich begeistert", erzählt Quiles.

Ganz zufällig kam diese Begeisterung nicht. Auch sein Vater fuhr Motorradrennen, wenn auch nicht professionell. Irgendwann kaufte er seinem Sohn eine Mini-Moto. Damit begann eine Karriere, die heute bereits bis in die Motorrad-Weltmeisterschaft geführt hat. Interessant ist aber, dass die Geschichte keineswegs mit einem Wunderkind beginnt, das vom ersten Meter an nichts anderes wollte, als möglichst schnell Motorrad zu fahren.

"Am Anfang hat es mir gar nicht so viel Spaß gemacht. Ich hatte beim Fahren ein bisschen Angst. Ein größerer Fahrer ist in mich hineingefahren und ich habe mir das Schlüsselbein gebrochen. Danach war ich etwas verängstigt."

Erst langsam kam das Vertrauen zurück. "Schritt für Schritt habe ich wieder Selbstvertrauen gewonnen und dann hat es mir richtig gefallen. Seitdem habe ich nie aufgehört zu fahren." Das ist vielleicht schon die erste interessante Erkenntnis für Eltern, die den nächsten MotoGP-Star im eigenen Nachwuchs vermuten: Auch bei einem Fahrer wie Quiles verlief der Beginn nicht geradlinig. Talent bedeutet offenbar nicht automatisch Angstfreiheit.

Mit vier Jahren anfangen klingt trotzdem verdammt früh. Aber ab welchem Alter wird aus dem Hobby tatsächlich Ernst? Für Quiles gibt es einen ziemlich klaren Punkt: JuniorGP und Red Bull MotoGP Rookies Cup.

"Ich glaube, ab JuniorGP und Rookies Cup wird es ernst. Von da an wird es wirklich wichtig. Der Rookies Cup und die JuniorGP sind wie ein Test. Wenn du dort gut bist, kannst du auch in Zukunft gut sein."

Eine Garantie ist aber natürlich auch das nicht. Erfolg in den Nachwuchsserien bedeutet noch lange nicht automatisch den Aufstieg in die Königsklasse MotoGP.

"Es bedeutet nicht, dass du MotoGP-Fahrer oder Fahrer in der Moto3-Weltmeisterschaft wirst, nur weil du im Rookies Cup gewinnst. Aber wenn du dort gut bist, kannst du dafür kämpfen, deinen Traum von der MotoGP zu erreichen."

Das Nachwuchssystem filtert früh aus. Wer auf diesem Niveau ankommt, trifft bereits auf die besten jungen Fahrer aus aller Welt. Geschwindigkeit alleine reicht längst nicht mehr. Ergebnisse, Konstanz, körperliches Training, mentale Stärke und nicht zuletzt die Fähigkeit, mit Druck umzugehen, entscheiden darüber, wer die nächste Stufe erreicht.

Trotzdem widerspricht Quiles der Vorstellung, dass man zwingend im Kindergartenalter beginnen müsse. Ich frage: "Was wäre etwa mit einem Zwölf- oder Vierzehnjährigen, der erst dann sein Talent entdeckt? Ist das zu spät?"

"Natürlich ist es heutzutage sehr schwierig, die Konkurrenz ist groß. Aber wenn du das Talent hast, kannst du es schaffen. Es gibt keine Grenze. Du kannst mit 12 oder 14 anfangen. Wenn du gut bist, das Talent und die Kraft dafür hast, jeden Tag trainierst und hart arbeitest, kannst du deinen Traum erreichen. Alles ist möglich."

Talent also ja. Früher Einstieg hilft. Aber ohne Arbeit geht es nicht. Bei Quiles selbst hat sich zwischen seiner Moto3-Rookie-Saison 2025 und der Saison 2026 vor allem eines verändert: die Herangehensweise.

"Letztes Jahr war alles okay für mich. Ich war Rookie und ich habe gelernt. Jetzt ist es ganz anders. Ich habe mehr Erfahrung und deshalb ist auch meine Einstellung anders. Ich muss intelligenter sein und über jede Aktion nachdenken." Als Rookie durfte noch der eine oder andere Fehler passieren. Heute erwartet er selbst mehr von sich.

"Früher konnte einmal eine dumme Aktion passieren, weil ich Rookie war und gelernt habe. Ich glaube, die Mentalität ist eine der größten Veränderungen."

Wie steil diese Lernkurve sein sollte, zeigt heuer ausgerechnet eine weitere Schlüsselbeinverletzung. Nach der Fraktur bei seinem Sturz in Silverstone kehrte Quiles wenige Wochen später in Aragón zurück. Körperlich war er nach eigener Einschätzung noch weit vom Normalzustand entfernt.

"In Aragón war ich bei ungefähr 70 Prozent. Es waren zwei wirklich harte Wochen. Ich war sehr oft bei der Physiotherapie und habe versucht, das Schlüsselbein wieder hinzubekommen. Es war noch nicht verheilt und ich hatte nicht viel Kraft."

Maximo Quiles Aspar Team Moto3

Maximo Quiles im Renntempo

Trotzdem gewann er das Rennen. Die Verletzung hat dennoch etwas verändert. Vor allem im Qualifying will Quiles seitdem weniger unnötige Risiken eingehen.

"Ich habe jetzt eine andere Einstellung. Schritt für Schritt, nicht zu viel überstürzen. Das funktioniert." Das klingt zunächst nach der klassischen Entwicklung eines jungen Fahrers: weniger jugendlicher Übermut, mehr Kalkül. Eine Weltmeisterschaft gewinnt man eben nicht zwingend dadurch, dass man schon in jeder Trainingssession Kopf und Kragen riskiert.

Quiles formulierte es in unserem Gespräch am Freitag des Misano-Wochenendes sehr konkret. Mit seinem großen Vorsprung in der Meisterschaft müsse er inzwischen nicht mehr in jeder Session alles riskieren.

"Vorher wollte ich in jeder Session Risiko eingehen. Jetzt bin ich entspannter."

Und was passiert in der letzten Runde eines Rennens? Platz zwei, komfortable WM-Führung, der Gegner unmittelbar vor ihm - muss man wirklich noch angreifen?, frage ich.

Auch hier klang Quiles erstaunlich rational: "Es hängt davon ab, wer vor mir ist und wie die Situation aussieht. Natürlich werde ich es versuchen. Aber wenn ich sehe, dass es wirklich riskant ist und bei einem Überholmanöver Kontakt oder ein Sturz möglich wäre, dann mache ich es nicht."

Zwei Tage später folgte in Misano die praktische Prüfung. David Almansa führte den Grand Prix praktisch vom Start bis zur letzten Kurve. Quiles blieb dahinter. Für den WM-Führenden wäre der zweite Platz ein hervorragendes Resultat gewesen. Genau jene Situation also, über die wir am Freitag gesprochen hatten.

Vernünftig sein. Punkte mitnehmen. Nicht unnötig riskieren.

Quiles tat etwas anderes. Er blieb bis zum Schluss an Almansa dran, nahm aus der letzten Kurve genügend Schwung mit und zog auf der Zielgeraden noch vorbei. 0,021 Sekunden trennten die beiden im Ziel. Die Begeisterung in der Aspar-Hospitality war grenzenlos, was für ein Finish!

Ganz widersprochen hatte sich Quiles damit allerdings nicht. Denn im selben Gespräch fiel noch ein anderer Satz: "Normalerweise versuche ich alles, um zu gewinnen."

Eine Woche später am Red Bull Ring wurde dieses Bild noch deutlicher. Diesmal brauchte Quiles kein Fotofinish. Almansa führte in Österreich, stürzte aber in Runde acht. Quiles nutzte die Gelegenheit und holte seinen neunten Saisonsieg. Nach Aragón und Misano war es der dritte Sieg in Folge seit seiner Rückkehr nach dem Schlüsselbeinbruch.

Damit stellt sich inzwischen weniger die Frage, ob Quiles Moto3-Weltmeister werden kann, sondern wann die Entscheidung fällt. Ganz erledigt ist die Sache allerdings noch nicht. Nach dem Red Bull Ring beträgt sein Vorsprung auf David Almansa 131 Punkte. Sieben Grands Prix stehen noch aus - Japan, Indonesien, Australien, Malaysia, Katar, Portugal und Valencia. Bei maximal 25 Punkten pro Rennen sind damit noch 175 Punkte zu holen. Quiles kann rechnerisch also noch geschlagen werden.

Schon beim nächsten Rennen in Motegi kann er die Rechnung allerdings beenden. Verlässt Quiles Japan mit mindestens 150 Punkten Vorsprung, steht er als Weltmeister fest. Gewinnt er dort beispielsweise erneut, müsste Almansa höchstens Zehnter werden, damit der Titel bereits entschieden wäre.

Der Titel wäre der passende Abschluss seiner Zeit in der Moto3, denn seine Zukunft steht bereits fest. 2027 steigt Quiles gemeinsam mit dem CFMOTO Aspar Team in die Moto2 auf. Damit bleibt er genau in jener Struktur, die ihn bereits durch die Moto3 begleitet hat. Aspar hat vor ihm unter anderem Albert Arenas, Izan Guevara und David Alonso auf diesem Weg von der Moto3 in die mittlere Klasse gebracht.

Für Quiles kommt der Wechsel zu einem interessanten Zeitpunkt. 2027 erhält die Moto2 einen neuen Triumph-Rennmotor mit rund sechs Prozent mehr Spitzenleistung und mehr Drehmoment. Der Motor wird außerdem zwei Kilogramm leichter. Weil sich unter anderem Motoraufnahmen und Ansaugung verändern, müssen auch die Chassishersteller neue Motorräder entwickeln. Selbst die etablierten Moto2-Piloten starten damit nicht einfach mit ihrem bekannten Material in die neue Saison.

Genau das sieht Quiles eher als Vorteil: "Wenn sie die Motorräder verändern, ist es für uns Rookies vielleicht sogar besser. Die Fahrer, die das aktuelle Motorrad schon kennen, müssen sich ebenfalls an ein neues gewöhnen."

Vor allem freut er sich aber auf das, was in der Moto3 naturgemäß fehlt: mehr Leistung.

"Die Power. Ich glaube, die Power wird das Schönste sein. Die Bremsen, die Leistung und wenn sich das Motorrad mit gebrauchten Reifen bewegt. Ich mag es, wenn das Motorrad arbeitet und sich bewegt." Auch fahrerisch bereitet er sich bereits darauf vor. Moto3 wird stark von großen Gruppen und Windschatten geprägt. Quiles versucht dagegen schon seit seinen Jahren im Talent Cup bewusst, alleine zu fahren.

"Ich fahre gerne alleine und arbeite an meinem eigenen Tempo. Das macht dich zu einem besseren Fahrer."

Maximo Quiles, Poky 1000PS

Das Gespräch mit Maximo fand am Freitag des Misano GP statt

In der Moto2 werde genau das wichtiger: weniger darauf achten, wer einem Windschatten gibt, mehr auf das eigene Tempo und die eigene Linie. Quiles selbst glaubt zudem, dass ihm die größere Moto2 körperlich entgegenkommen könnte. Er ist für einen Moto3-Piloten relativ groß und erklärte bei der Bekanntgabe seines Aufstiegs, dass ihm seine langen Arme auf dem größeren Motorrad helfen könnten. Vor allem aber könne er es kaum erwarten, die Moto2 erstmals zu fahren.

Vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die ursprüngliche Frage: Wie werde ich Rennfahrer?

Man kann mit vier Jahren anfangen. Man kann Mini-Moto fahren, Talent Cups bestreiten und sich über JuniorGP und Rookies Cup nach oben arbeiten. Man muss trainieren, lernen, Daten zu verstehen, mit Druck umzugehen und irgendwann begreifen, dass eine Weltmeisterschaft nicht in jeder Trainingssession gewonnen wird.

Man kann einem jungen Fahrer beibringen, vernünftig zu sein.

Aber hungrig zu bleiben und diesen einen Reflex, in der letzten Kurve doch noch das Gas stehen zu lassen - den kann man vermutlich nicht lernen.