Motorradreifen haben sich in den vergangenen zehn Jahren drastisch verändert. Die Grenzen zwischen Touring- und Sportreifen verschwimmen zunehmend, moderne Gummimischungen ermöglichen Gripniveaus, die früher reinen Rennreifen vorbehalten waren, und selbst Alltagspneus erreichen heute Fahrleistungen, die noch vor wenigen Jahren als kompromisslos sportlich galten. Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich zwei der interessantesten Reifen aus dem Hause Continental: der Conti RoadAttack 4 und der Conti SportAttack 5. Umso schwieriger wird es für einem selbst, die richtige Wahl zu treffen. Deshalb haben wir uns die zwei beliebten Contis genauer im direkten Vergleich angesehen und auf einer Kawasaki Z900 im Straßeneinsatz getestet.

ContiRoadAttack 4 vs SportAttack 5 im Vergleich
Zwei Philosophien auf zwei Rädern
Continental bietet mit dem ContiRoadAttack 4 und dem ContiSportAttack 5 zwei extrem starke Reifen für sportliche Motorradfahrer. Doch welcher passt besser zu Alltag, Tour, Landstraße oder sportlicher Kurvenjagd? Unser Vergleich zeigt die Unterschiede.
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Martin_Bauer
Veröffentlicht am 16.6.2026
Erster Eindruck
Auf den ersten Blick erscheinen beide Modelle erstaunlich nah beieinander. Beide tragen den „Attack“-Namen, beide stammen aus derselben technologischen Familie und beide richten sich an sportlich orientierte Motorradfahrer. Doch beim Blick auf das Profil erkennt auch der Laie sofort, dass hier zwei unterschiedliche Reifen vor einem stehen. Und gerade im Fahrverhalten wird nach wenigen Kilometern klar: Diese Reifen verfolgen zwei unterschiedliche Philosophien.
Der RoadAttack 4 ist ein Meister der Vielseitigkeit. Er wurde entwickelt, um unter nahezu allen Bedingungen souverän zu funktionieren, besonders auf langen Touren, bei wechselhaftem Wetter, mit Gepäck, auf kaltem Asphalt oder auf schnellen Alpenpässen. Er soll Sicherheit vermitteln, Vertrauen schaffen und über Tausende Kilometer hinweg konstant performen.
Der SportAttack 5 hingegen verfolgt einen emotionaleren Ansatz. Er will nicht primär beruhigen, sondern begeistern. Seine Welt beginnt dort, wo Fahrdynamik wichtiger wird als Laufleistung, wo Präzision höher bewertet wird als Komfort und wo das Motorrad möglichst direkt mit dem Fahrer kommunizieren soll. Continental hat den SportAttack 5 deutlich näher an die Hypersport-Kategorie herangerückt als seine Vorgänger und genau das spürt man bereits in der ersten Kurve.
Die Entwicklung der „Attack“-Familie
Um die Unterschiede zwischen RoadAttack 4 und SportAttack 5 wirklich zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Entwicklung der gesamten Attack-Serie.
Frühere Sport-Touring-Reifen waren häufig kompromissorientierte Produkte. Sie konnten vieles ordentlich, aber nichts überragend. Hypersportreifen dagegen lieferten beeindruckenden Grip, verlangten aber oft hohe Temperaturen, verschlissen schnell und reagierten empfindlich auf Nässe oder schlechte Straßen.
Continental begann bereits früh damit, diese Grenzen aufzuweichen. Besonders die Einführung der BlackChili-Technologie und spezieller Mischungen veränderte die Charakteristik moderner Motorradreifen grundlegend. Der RoadAttack entwickelte sich dadurch immer stärker Richtung Sportreifen, während der SportAttack gleichzeitig alltagstauglicher wurde, ohne in der Performance Einbußen hinnehmen zu müssen.
Der RoadAttack 4 bleibt zwar extrem sportlich für einen Touringreifen, priorisiert aber klar Alltag, Stabilität und Vielseitigkeit. Der SportAttack 5 dagegen wurde kompromissloser. Er positioniert sich heute ebenbürtig mit reinrassigen Hypersportreifen wie z.B. den Bridgestone S23 oder RS12 und liefert in vielen Bereichen sogar den Benchmark.
Damit stehen sich heute zwei Reifen gegenüber, die zwar technologisch verwandt sind, emotional aber unterschiedlich wirken.
Konstruktion und Aufbau – wo die Unterschiede wirklich entstehen
Viele Fahrer beurteilen Reifen ausschließlich nach Grip oder Laufleistung. Doch der eigentliche Charakter eines Reifens entsteht viel tiefer, nämlich in der Konstruktion der Karkasse, der Form des Profils und der Abstimmung des gesamten Aufbaus. Genau hier unterscheiden sich RoadAttack 4 und SportAttack 5 fundamental.
Der RoadAttack 4 – Stabilität als oberstes Prinzip

Bereits beim ersten Blick auf den RoadAttack 4 wird klar, dass Continental einen Reifen mit hoher Alltagstauglichkeit entwickeln wollte. Die Profilgestaltung wirkt harmonisch und funktional. Die Rillen sind so angeordnet, dass Wasser effizient verdrängt wird, gleichzeitig bleibt genügend geschlossene Fläche für sportlichen Trockengrip erhalten.
Entscheidend ist jedoch die Konstruktion darunter. Die Karkasse des RoadAttack 4 wurde darauf ausgelegt, unterschiedlichste Belastungssituationen möglichst souverän zu meistern. Das beginnt bei hohen Autobahngeschwindigkeiten und endet bei voller Beladung mit Sozius und Gepäck auf schlechter Fahrbahn. Die Struktur arbeitet deshalb vergleichsweise flexibel. Diese kontrollierte Flexibilität sorgt für mehrere entscheidende Eigenschaften.
Zum einen absorbiert der Reifen Fahrbahnunebenheiten deutlich besser. Schläge und Asphaltkanten werden nicht ungefiltert an das Fahrwerk weitergegeben. Das Motorrad wirkt ruhiger und komfortabler. Zum anderen bleibt die Kontaktfläche auch auf unruhigem Untergrund stabil, was insbesondere bei Nässe und wechselnden Straßenbedingungen enorme Vorteile bringt.
Der Fahrer spürt das vor allem durch ein sehr neutrales Fahrverhalten. Der RoadAttack 4 fällt nicht aggressiv in die Kurve, sondern baut seine Schräglage progressiv auf. Das Motorrad wirkt berechenbar und ruhig. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten entsteht nie Nervosität.
Diese Neutralität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer bewusst konservativeren Geometrie. Gerade auf schweren aber agilen Maschinen wie einer BMW S1000R oder KTM Super Duke, zeigt der RoadAttack seine enorme Stärke. Er stabilisiert das Motorrad regelrecht und vermittelt auch bei hoher Beladung eine beeindruckende Ruhe.
Der SportAttack 5 – maximale Rückmeldung statt Komfort

Beim SportAttack 5 verfolgt Continental einen nahezu gegensätzlichen Ansatz. Hier steht nicht die Vielseitigkeit im Vordergrund, sondern die direkte Verbindung zwischen Motorrad, Reifen und Fahrer. Bereits die Karkassenabstimmung zeigt, wie stark sich Continental auf sportliche Performance konzentriert hat.
Die Struktur des SportAttack 5 arbeitet steifer bzw. behält auch unter Belastung eine kurvenwilligere Kontur. Besonders der Vorderreifen wurde extrem präzise abgestimmt. Das Ziel dabei ist klar: maximale Rückmeldung.
Während der RoadAttack kleine Fahrbahnunebenheiten teilweise filtert, reicht der SportAttack wesentlich mehr Informationen direkt an den Fahrer weiter. Das Motorrad fühlt sich dadurch unmittelbarer an. Der Fahrer spürt exakt, wie viel Grip vorhanden ist, wann die Belastung zunimmt und wie sich das Motorrad in tiefer Schräglage verhält.
Dieses intensive Feedback erzeugt enormes Vertrauen, allerdings eher bei sportlich orientierten Fahrern. Wer ein komfortables, beruhigendes Fahrgefühl sucht, empfindet den SportAttack unter Umständen im direkten Vergleich sogar als leicht nervös.
Besonders auffällig ist die Präzision beim Einlenken. Das Motorrad reagiert deutlich spontaner auf Lenkimpulse. Kurvenwechsel gelingen schneller, die Maschine wirkt agiler und lebendiger. Gerade auf leichten Naked Bikes wie bei unserer Kawasaki Z900 entsteht dadurch ein extrem sportliches Fahrgefühl. Continental hat diese Agilität zusätzlich über die Kontur des Reifens verstärkt, ohne dabei zur Instabilität zu neigen.
Die Kontur – der unterschätzte Schlüssel zur Fahrdynamik
Viele Fahrer unterschätzen, wie stark die Reifenform das Fahrverhalten beeinflusst.
Der RoadAttack 4 besitzt eine vergleichsweise harmonische Kontur. Der Übergang von Geradeausfahrt zu Schräglage erfolgt linear und kontrolliert. Dadurch entsteht das typische neutrale Fahrgefühl. Das Motorrad lenkt vorhersehbar ein und bleibt auch mitten in der Kurve stabil.
Der SportAttack 5 dagegen besitzt eine deutlich aggressivere Kontur. Sie ist spitzer aufgebaut und reduziert die notwendige Lenkkraft spürbar. Das Motorrad kippt förmlich in die Kurve hinein. Genau dieses Verhalten erzeugt den Eindruck extremer Handlichkeit.
Besonders auf engen Landstraßen oder bei schnellen Richtungswechseln wirkt der Unterschied enorm. Während der RoadAttack eher Gelassenheit vermittelt, fordert der SportAttack den Fahrer regelrecht zum Angriff auf die nächste Kurve auf. Diese Agilität hat allerdings ihren Preis. Bei hohen Geschwindigkeiten oder auf langen Autobahnetappen wirkt der SportAttack besonders auf sehr agilen Motorrädern etwas lebhafter. Der RoadAttack bleibt hier ruhiger und souveräner. Deshalb kann der SportAttack seinen Vorteil besonders auf sehr stabilen Bikes, wie z.B.: Supersport Auslegungen, ausspielen. Dort hilft die handliche Kontur, das Fahrzeug mit wenig Energie in Schräglage befördern zu können.
BlackChili und MultiGrip – gleiche Technologien, unterschiedliche Charaktere
Technologisch basieren beide Reifen auf denselben Grundsystemen von Continental. Dennoch unterscheiden sie sich in ihrer Wirkung deutlich.
Die BlackChili-Mischung zählt seit Jahren zu den wichtigsten Entwicklungen von Continental. Sie kombiniert unterschiedliche Rußpartikel und Polymere, um gleichzeitig Grip, Temperaturstabilität und Laufleistung zu verbessern.
Hinzu kommt die MultiGrip-Technologie. Anders als klassische Mehrkomponentenreifen verwendet Continental keine unterschiedlichen Gummimischungen nebeneinander. Stattdessen wird ein einzelner Compound unterschiedlich stark vulkanisiert. Dadurch entsteht ein fließender Übergang zwischen härterer Mitte und weicheren Schultern.
Beim RoadAttack 4 ist diese Abstimmung klar auf Vielseitigkeit ausgelegt. Die Mischung erreicht sehr schnell ihre Arbeitstemperatur und funktioniert selbst bei kaltem Asphalt erstaunlich gut. Gerade im Alltag oder bei wechselhaftem Wetter zeigt sich hier die enorme Stärke des Reifens. Der Fahrer erhält früh Vertrauen und muss den Reifen kaum aktiv „warmfahren“. Auch im Regen spielt der RoadAttack seine Vorteile aus. Die Mischung bleibt flexibel, die Profilgestaltung verdrängt Wasser effizient und das Gripniveau bleibt selbst bei niedrigen Temperaturen beeindruckend hoch.
Der SportAttack 5 setzt andere Prioritäten. Hier steht maximaler mechanischer Grip im Vordergrund. Die Mischung erzeugt in Schräglage ein höheres Haftungsniveau und bietet insbesondere beim harten Beschleunigen enorme Reserven. Allerdings muss man sagen, dass der Gripunterschied zwischen den beiden Kontrahenten gerade auf wenig griffigen Asphaltabschnitten nicht groß ist. Erst wenn der Belag rau und griffig wird und somit hohe Schräglagen möglich werden, zeigt der SportAttack 5 sein ganzes Können. Dabei hat er nicht nur mehr Performance in Sachen Schräglage, sondern auch beim Gasaufziehen aus solcher. Trotzdem ist er alltagstauglicher gestaltet als frühere Generationen. Das Warm Up Verhalten wurde verbessert und auch auf kühlem Asphalt funktioniert der Reifen überraschend gut. Dennoch bleibt er in seinem Idealbereich klar sportlicher als RoadAttack 4. Was aber bei beiden sehr gut funktioniert ist die bereits „einsatzfertige“ TractionSkin Oberfläche im Neuzustand. Diese ermöglicht es bereits auf den ersten Metern den Reifen richtig zu fordern ohne langen Anfahrprozeduren, bei den die auf vielen Reifen oft vorhandene Trennschicht erst abgefahren werden muss. Dabei hat es nämlich schon viele Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes, auf den Boden der Realität zurückgeholt.
Verhalten am Limit
Der RoadAttack 4 vermittelt Stabilität und Ruhe. Er kündigt Haftungsgrenzen frühzeitig an und verhält sich ausgesprochen gutmütig. Selbst wenn das Tempo steigt, bleibt das Motorrad kontrollierbar und vertrauenerweckend. Der SportAttack 5 dagegen wirkt deutlich aggressiver. Er baut enorme Haftung auf und erlaubt extrem hohe Kurvengeschwindigkeiten. Gleichzeitig reagiert er sensibler auf Lastwechsel und Fahrwerksabstimmungen. Sportliche Fahrer lieben genau dieses Verhalten, weil der Reifen unglaublich präzise kommuniziert. Weniger erfahrene Fahrer empfinden diese Direktheit dagegen manchmal als anstrengender.
Laufleistung und Alltag
Natürlich spielen im realen Motorradleben nicht nur Grip und Handling eine Rolle. Der RoadAttack 4 wurde entwickelt, um über viele Kilometer konstant zu funktionieren. Seine Mischung verschleißt gleichmäßiger, die Profilgestaltung unterstützt eine stabile Laufleistung und selbst schwere Motorräder bringen ihn nicht schnell an seine Grenzen. Dabei hilft ihm auch das um 1,5mm tiefere Profil. Selbst bei gleicher Abnützung bleibt hier eben mehr Negativprofil zur Aufrechterhaltung der Strassenzulassung.
Der SportAttack 5 opfert bewusst einen Teil dieser Haltbarkeit zugunsten von Performance. Wer sehr sportlich fährt, wird den Unterschied bei der Laufleistung bemerken. Allerdings wäre es falsch, den SportAttack als unpraktischen Reifen darzustellen. Moderne Hypersportreifen haben enorme Fortschritte gemacht. Selbst der SportAttack 5 funktioniert heute im Alltag deutlich besser als reine Sportreifen früherer Generationen.
Fazit – zwei Reifen für zwei unterschiedliche Fahrerwelten
Der entscheidende Unterschied zwischen RoadAttack 4 und SportAttack 5 liegt letztlich nicht im maximalen Gripniveau. Beide Reifen bewegen sich hier auf extrem hohem Niveau. Entscheidend ist vielmehr die Art, wie sie ihre Performance liefern.
Der RoadAttack 4 ist der Reifen für Fahrer, die jederzeit Vertrauen, Stabilität und Vielseitigkeit erwarten. Er funktioniert bei nahezu jedem Wetter, auf langen Reisen ebenso wie auf schnellen Landstraßen und vermittelt immer das Gefühl souveräner Kontrolle und liefert mit guter Eigendämpfung viel Komfort. Er brilliert besonders auf überhandlichen Bikes und sorgt dabei für Ruhe und Stabilität.
Der SportAttack 5 dagegen richtet sich an Fahrer, die jede Kurve intensiv erleben wollen. Er ist direkter, schärfer, emotionaler und deutlich stärker auf Fahrdynamik fokussiert. Sein Ziel ist nicht maximale Universalität, sondern maximale Präzision und leichtes Handling. Seine Stärken merkt man besonders auf sehr stabilen Fahrzeugen mit supersportlichen Geometrien.
Man könnte auch sagen, ersterer begleitet den Fahrer souverän durch jede Situation, während der andere ihn herausfordert, jede Kurve schneller zu fahren.
In Summe kann man sagen, dass beide Reifen näher aneinandergerückt sind, ohne in ihrer Paradedisziplin Kompromisse einzugehen. Man kann mit dem SportAttack ohne Probleme bei kalten und nassen Bedingungen sicher unterwegs sein und nebenbei auf der Rennstrecke um schnelle Rundenzeiten kämpfen und mit dem RoadAttack ebenfalls sportlich zuschlagen, und mit vollem Komfort und stoischer Ruhe auf Tour gehen.
ContiRoadAttack 4 vs SportAttack 5 im Vergleich Bilder
Quelle: 1000PS