Ducati Superleggera V4 Centenario - MotoGP-Traum für die Straße
Ducatis schärfstes Supersport-Bike aller Zeiten
Mit der Ducati Superleggera V4 Centenario präsentiert Ducati einmal mehr ein Motorrad, das weniger als Serienfahrzeug und vielmehr als technisches Manifest verstanden werden muss. Sie strotzt vor technischen Weltneuheiten und den edelsten Materialien, die auf zwei Rädern Platz finden. Rennfahrer und Techniker Martin Bauer analysiert Ducatis extremsten Ultra-Sportler.
Eingebettet in die traditionsreiche Umgebung rund um Modena, unweit von Bologna, entsteht hier ein Produkt, das die Grenzen zwischen Rennsport und Straße nahezu vollständig auflöst. Die Superleggera ist mittlerweile in ihrer vierten Generation angekommen und bleibt dem eigenen Anspruch treu: Sie ist das kompromisslose Flaggschiff der Marke. Obwohl sie optisch stark an die bekannte Ducati Panigale V4 erinnert, wurde nahezu jedes Detail überarbeitet oder komplett neu gedacht. Besonders auffällig ist dabei der konsequente Einsatz von Carbon - und zwar in Bereichen, die bislang im Serienmotorradbau als nahezu unantastbar galten.
Mit einer streng limitierten Stückzahl von lediglich 500 Einheiten weltweit bleibt die Superleggera ein exklusives Sammlerstück. Gleichzeitig ist sie vollständig für den Straßenverkehr homologiert ein Umstand, der ihre technische Leistung noch bemerkenswerter macht.
Bis zu 247 PS! - Der Motor der Ducati Superleggera V4 Centenario
Das Herzstück der Superleggera basiert auf der Rennsport-DNA der Panigale V4R, wurdejedoch gezielt weiterentwickelt, um sowohl auf der Straße als auch auf der Rennstrecke maximale Performance zu liefern. Während in der Superbike-Weltmeisterschaft ein Hubraumlimit von 1.000 Kubikzentimetern gilt, nutzt Ducati bei der Superleggera den Freiraum eines Motorrads, dass nicht unter die Zwänge eines Reglements gesteckt werden muss und erhöht den Hubraum auf 1.103 Kubikzentimeter.
Diese Erweiterung erfolgt über einen vergrößerten Hub, was unmittelbar zu einem gesteigerten Drehmoment führt. Gerade im unteren und mittleren Drehzahlbereich profitiert das Motorrad dadurch von deutlich mehr Durchzugskraft. Die Leistung liegt bereits in der Serienkonfiguration bei beeindruckenden 228 PS und kann in der optionalen Race-Konfiguration mit einer Race Abgasanlage auf bis zu 247 PS gesteigert werden. Mit dem vergrößerten Hubraum steht jetzt nicht nur viel Spitzenleistung, sondern auch das für die Straße noch wichtigere Drehmoment zur Verfügung. Das ist nämlich bei der V4R, die in erster Linie für die Rennstrecke gebaut wird und von der das Basistriebwerk stammt, nicht an oberster Priorität.
Doch die reine Leistungssteigerung ist nur ein Teil der Geschichte. Ducati setzt konsequent auf Gewichtsreduktion innerhalb des Motors. Titanventile im Einlassbereich, zahlreiche Titanschrauben sowie eine speziell optimierte Kurbelwelle reduzieren das Gesamtgewicht und die rotierenden Massen erheblich. Letztere wurde nicht nur leichter gestaltet, sondern auch aerodynamisch optimiert, um Widerstände im Ölbad zu minimieren. Ergänzt wird dies durch den Einsatz von Wolfram-Gewichten, die eine Massenzentralisierung erzeugen.
In Summe wird der Motor im Vergleich zur Panigale um rund 3,6 Kilogramm erleichtert, wobei 1,1 Kilogramm allein an der Kurbelwelle abgespeckt wurde.
Natürlich kommt bei der Superleggera auch das neue Racing Getriebe zum Einsatz. Hier ist der Leerlauf nicht wie gewöhnlich zwischen ersten und zweiten Gang, sondern unter dem ersten Gang versteckt. Somit muss man beim Schaltvorgang vom ersten auf den zweiten Gang nicht über den Neutral schalten. Das ermöglicht einen kürzeren und vor allem präziseren Gangwechsel. Um beim hastigen Runterschalten im Kurvenkampf dann nicht aus Versehen in den Neutral zu gelangen, kann am Lenker eine Leerlaufsperre aktiviert werden.
Kaum noch als Rahmen erkennbar - Chassis der Ducati Superleggera V4 Centenario
Beim Chassis zeigt sich besonders deutlich, wie stark die Entwicklung von Erkenntnissen aus der MotoGP beeinflusst wurde. Während früher maximale Steifigkeit als oberstes Ziel galt, setzt Ducati heute bewusst auf ein kontrolliertes Flexverhalten, um die Fahrbarkeit in Kurven zu verbessern.
Der Rahmen der Superleggera ist dabei kaum noch als klassischer Rahmen zu erkennen. Es handelt sich vielmehr um eine extrem kompakte, Monocoque-ähnliche Struktur aus Carbon, die lediglich die Verbindung zwischen Motor und Steuerkopf übernimmt. Durch gezielte Anpassung der Materiallagen gelingt es Ducati, sowohl die Torsions- als auch die Längssteifigkeit exakt zu definieren und dabei ca. 20% des Gewichtes einzusparen.
Auch die Schwinge besteht vollständig aus Carbon ein Bauteil, das im Serienbau nur äußerst selten in dieser Form zu finden ist. Ihre hohle Struktur erfordert einen hochkomplexen Fertigungsprozess, bei dem unter anderem mit aufblasbaren Balgen gearbeitet werden muss. Zusätzlich integriert Ducati einen QR-Code direkt in die Struktur, der eine lückenlose Rückverfolgbarkeit jedes einzelnen Bauteils ermöglicht.
Der Heckrahmen folgt ebenfalls dem Leichtbauprinzip und ist als selbsttragendes Carbon-Element ausgeführt. Insgesamt trägt das Chassis maßgeblich dazu bei, das Gesamtgewicht des Motorrads nochmals zu reduzieren und gleichzeitig die Fahrdynamik zu optimieren.
Erste Karbon-Gabel in einem Serienmotorrad - Ducati Superleggera V4 Centenario
Im Bereich Fahrwerk arbeitet Ducati eng mit Öhlins zusammen und setzt auf Komponenten, die direkt aus dem Rennsport stammen. Die Frontgabel stellt dabei eines der größten technischen Highlights dar.
Erstmals kommen bei der NPX25/30 Gabel, Außenrohre aus Carbon zum Einsatz eine Innovation, die im Serienmotorradbau bislang nicht existierte. Da Carbon empfindlich auf punktuelle Belastungen reagiert, musste eine Hybridlösung entwickelt werden. An besonders belasteten Stellen, wie z.B. an der Klemmung, werden Aluminium-Inlays verwendet, um die notwendige Stabilität beim Klemmen in den Gabelbrücken sicherzustellen.
Auch im Inneren der Gabel kommen hochwertige Rennsportkomponenten zum Einsatz, darunter ein Closed-Cartridge-System, das maximale Performance garantiert. Allein durch die Konstruktion der Gabel kann eine Gewichtsersparnis von bis zu einem Kilogramm erzielt werden.
Das hintere TTX Federbein basiert ebenfalls auf einer speziell entwickelten Lightweight-Version und trägt zur weiteren Reduktion der ungefederten Massen bei. In Kombination mit den Carbon-Felgen ergibt sich ein Fahrwerk, das extrem agil reagiert und ein präzises Einlenkverhalten ermöglichen soll.
Ducati Superleggera V4 Centenario mit Karbon-Bremsen trotz Straßenzulassung
Ein weiteres revolutionäres Kapitel schreibt Ducati gemeinsam mit Brembo im Bereich der Bremsentechnologie. Während Carbon-Bremsscheiben im Rennsport längst etabliert sind, galten sie bislang als ungeeignet für den Straßenverkehr, da sie erst bei hohen Temperaturen ihre volle Leistung entfalten.
Die Lösung liegt in einer neu entwickelten Carbon-Keramik-Mischung, die es ermöglicht, bereits bei niedrigen Temperaturen eine zuverlässige Bremsleistung zu erzielen. Damit gelingt es erstmals, die Vorteile von Carbonbremsen, also geringes Gewicht und hohe Belastbarkeit, mit den Anforderungen des Straßenverkehrs zu vereinen. Durch das geringe Gewicht von Carbon kann hier auch auf verzögerungsfreundliche große Durchmesser von 340mm und 8mm Wandstärke hochgerüstet werden.
Die Bremsscheiben bieten nicht nur eine herausragende Verzögerungsleistung, sondern reduzieren auch die rotierenden Massen am Vorderrad erheblich. Dies wirkt sich direkt auf die Agilität und das Handling des Motorrads aus. Was im Rennsport State of the Art ist, hat somit jetzt erstmalig im Straßen Fahrzeugbau Einzug gehalten.
Neue Superleggera V4 kommt natürlich mit Karbon-Felgen
Was vielleicht schon als gewöhnlicher eingestuft wird, ist die Verwendung von Carbon Technologie bei den Felgen. Schon lange gibt es die edlen Teile als Nachrüstmöglichkeit für einige Motorräder, doch selten mit Homologation oder Straßenzulassung. Carbon ist, gerade was Shockload betrifft, sehr empfindlich und das kann beim harten Landstraßenbetrieb im Radbereich schnell gefährlich werden. Deshalb musste man bei der Herstellung viele strenge Tests und sehr genaue Fertigungsvorgaben erfüllen, um diesen Anforderungen gerecht werden zu können. Durch intensive Zusammenarbeit mit der Firma BST konnte aber auch diese Hürde genommen werden.
High-Tech & Optimierungen wohin das Auge reicht - Ducati Superleggera V4 Centenario
Die Superleggera V4 Centenario ist ein Sammelbecken technologischer Innovationen. Besonders hervorzuheben ist der konsequente Einsatz von Carbon in nahezu allen Bereichen des Motorrads vom Rahmen über die Schwinge bis hin zur Gabel und den Rädern.
Ebenso beeindruckend ist die Detailtiefe, mit der Ducati an die Gewichtsoptimierung herangeht. Jedes Bauteil wird hinterfragt, jedes Gramm eingespart, ohne dabei Kompromisse bei Stabilität oder Sicherheit einzugehen.
Ein weiteres Highlight ist die Verbindung aus extremer Performance und vollständiger Straßenzulassung. Trotz ihrer Nähe zum Rennsport bleibt die Superleggera ein Motorrad, das legal auf öffentlichen Straßen bewegt werden kann. Das ist ein Spagat, den nur wenige Hersteller in dieser Form meistern.
Mit einem Preis von rund 150.000 Euro und der strikten Limitierung auf 500 Stück, richtet sich das Motorrad an eine sehr exklusive Zielgruppe und wird wohl den meisten von uns nicht zugänglich sein. Dennoch erfüllt es eine wichtige Rolle: Es zeigt, was technisch möglich ist, wenn wirtschaftliche Grenzen in den Hintergrund treten.
Mehr MotoGP kann man nicht auf die öffentliche Straße bringen!
Die Ducati Superleggera V4 Centenario ist bis jetzt der konsequenteste Versuch, MotoGP-Technologie auf die Straße zu bringen. Sie kombiniert extreme Leistung, radikalen Leichtbau und innovative Materialien zu einem Gesamtpaket, das seinesgleichen sucht.
Natürlich bleibt sie ein Nischenprodukt sehr exklusiv, zu teuer und zu kompromisslos für den Alltag vieler Fahrer. Doch genau darin liegt ihre Faszination. Sie ist kein Motorrad für jedermann, sondern ein Symbol für das derzeit technisch Machbare und ein Ausblick auf das, was wir in Zukunft vielleicht auch bei Supersport Motorräder von der Stange in abgespeckter Version finden werden.
Fakt ist: Mit 247 PS bei nur 173 kg liegt man mit der neuen Ducati Superleggera V4 Centenario als straßenzugelassenes Motorrad jedenfalls näher an der MotoGP als jemals zuvor!
Author
MARTIN_BAUER